Organizing Leitfaden

Inhalte

Die Lage: FFF ist noch nicht fähig, proaktiv-gezielt zu wachsen

Problem 1: FFF mobilisiert viel, aber leistet kaum Organizing

Was ist mit “Organizing” gemeint?

Problem 2: FFFs “Aktivismus”-Identität fungiert als ausgrenzender Zaun

Die Strategie:

Der Zielzustand

Kerninhalte: Was FFF-Ortsgruppen in den Workshops lernen

Lernformat: Wie Organizing geübt werden kann

Umsetzungsplan: Organizing-Trainings entwickeln und ausrollen

Trainingsstrukturen: Was wir dafür gestalten und aufbauen müssen

Was vorhanden bzw. zu tun ist

Die Lage: FFF ist noch nicht fähig, proaktiv-gezielt zu wachsen

Die Bewegung entstand 2018 aus Menschen ohne vorherige Bewegungserfahrung, geprägt durch NGO-Erfahrungen. Durch starkes weltweites Medienecho wuchs FFF, ohne zu lernen, aus eigener Kraft Unterstützung aus neuen sozialen Umfeldern anzuziehen.

Problem 1: FFF mobilisiert viel, aber leistet kaum Organizing s. S.62ff

Mit “Mobilisierung” ist gemeint, viele Personen zu politischen Handlungen zu bewegen. Das erreicht meistens nur eine “self-selecting population”, wie öko-linke Milieus. Es gibt keinen Outreach außerhalb dieser bereits ongeboardeten Umfelder.

Wenn wir Menschen, die bereits mit uns übereinstimmen, dazu bringen, eine Online-Petition zu unterzeichnen, bauen wir keine Macht auf, sondern nutzen stattdessen bereits vorhandene Macht. Es gibt bei Mobilisierung kaum Veränderung in den Fähigkeiten oder Überzeugungen der Menschen, oder der Zusammensetzung der Bewegung. Ein zunehmend professioneller „Stab“ leitet und lenkt die Mobilisierung. Diese Profis sehen sich selbst, nicht die normalen Menschen, als die wichtigsten Agenten des Wandels.

Eine führende Gewerkschafterin und Bewegungs-Soziologin der USA, Jane McAlevey, hat den Erfolg von Mobilisierung und Organizing in politischem Konflikt an vielen Fällen untersucht (s.o.). Mobilisierung baut meist nicht genug kollektive politische Macht auf, und rein mobilisierende Bewegungen fallen nach <1,5 Jahren zusammen (z.B. Occupy).

Was ist mit “Organizing” gemeint?

Organizing ist die Erweiterung der Bewegungs-Mitgliederbasis, aus der man später mobilisieren kann. Besonders geht es darum, bisher unbeteiligte Menschen aus nicht-klimaaktivistischen Sozialumfeldern zu einer zusammenhängenden politischen Kraft zu organisieren, die es mit Mächtigen aufnehmen kann. Eine Veranstaltung zu planen oder eine FB-Gruppe mit selbstgewählten, gleichgesinnten „Aktivisten“ zu gründen, mag eine gute Sache sein, aber es ist nicht dasselbe wie Organizing.

Am Anfang hätten sie deine Petition nicht unterschrieben, aber je mehr du ihre Handlungsfähigkeit aufbaust, werden sie wahrscheinlich zu denjenigen, die eine Kampagne anführen und vielleicht selbst eine Petition starten.

Wie Bewegungsforscherin Hahrie Han sagt: Organizing baut Bewegungen auf.

Problem 2: FFFs “Aktivismus”-Identität fungiert als ausgrenzender Zaun Vgl. dazu

Aktivismus“ ist ein relativ junges Wort. Der Anstieg im Gebrauch korrespondiert mit dem Aufstieg des Neoliberalismus und seinem Ethos des Individualismus. Aktivismus ist tendenziell eine Aktivität einzelner Selbstselektierer, primär Mobilisierung, Zielgruppe meist aus den oberen 10-20% des ökonomischen Spektrums. Aktivismus ≠ Organizing.

Google NGram viewer Ansicht für

Google NGram-viewer Ansicht für „activists, activist, activism“ (Wort-Inzidenz in Druckliteratur) 1900-2000

Dadurch ändert sich an der Anzahl und Vielfalt der sozialen Gruppen innerhalb der Bewegung nicht viel. Das wiederum führt zu einer Stagnation in zwei Haupt-Erfolgsmetriken unserer Bewegung:

  1. Größtmögliche politische Breite (Diversität) der aktiven FFF-Koalition für Klimagerechtigkeit – um Mehrheitlichkeit darzustellen
  2. Größtmögliche Verankerungstiefe der Bewegung in den sozialen Umfeldern der “unüblichen Verdächtigen” in der Klimapolitik

Die Strategie:

  1. Ortsgruppen intern als Motor der Bewegung wertschätzen und hochhalten,

    nicht nur Bundesebene professionalisieren und OGs als sekundär/ersetzbar sehen,

    weil eine Massenbasis die FFF-Machtquelle und notwendige Erfolgsvoraussetzung ist – und die Koalitionsbreite nur mit viel bewegungseigener OG-Arbeit steigen kann

  2. Regionalgruppenbetreuung ausbauen,

    nicht primär auf Mobilisierungs-Durchtelefonieren zu Großstreiks beschränken,

    weil Ortsgruppen in ihrer Zahl stark abgenommen haben, strategisch desorientiert sind und Skillbuilding brauchen

  3. Flächendeckend OGs zum Organizing befähigen,

    nicht primär auf Verbesserung der Mobilisierung fokussieren,

    weil die Bewegungsbasis durch Mobi-Fokus stagniert und schrumpft – und FFF seinen Einfluss verliert, sobald nach Abklingen der Corona-Schutzmaßnahmen der Wegfall der FFF-Basis öffentlicher Konsens wird

  4. Parabelförming wachsende Organizing-Workshop-Strukturen aufbauen,

    nicht linear wachsende (gleichbleibende Zahl an Workshopleitenden), nicht nur Massen-Webinare, und nicht nur externe Workshop-Dienstleistungen nutzen,

    weil dabei das geringe Wachstum an trainierten Teilnehmer*innen nicht signifikanten Wandel auslösen könnte (deutlich <100 Trainierte vor Bundestagswahl) oder geringe Übungsintensität zu wenig Anwendung des Gelernten führen würde

  5. Regio-Buddies dabei zu Haupt-Workshopleitenden ausbilden,
    nicht
    Workshop-Strukturen separat von Regionalbetreuungsstrukturen ausbauen

    weil der Fähigkeitenaufbau in OGs so leicht zugänglich wie möglich und auf mehrere Schultern verteilt stattfinden muss, durch Menschen, die sich für den Erfolg von OGs mitverantwortlich fühlen und ihnen bereits laufend helfen

Der Zielzustand

  • Alle Ortsgruppen von FFF sollten über ihre jew. Regio-Buddies (Ansprechpartner) Zugang zu laufend stattfindenden Workshopserien haben – auch neugegründete OGs direkt, und später auch OGs von den anderen ForFuture-Bewegungen.
  • Dann kann die Bewegung laufend neue, einflussreiche soziale Umfelder anziehen – insbesondere diejenigen, von deren Unterstützung (aktiv/passiv) Machthaber*innen besonders abhängen, das heißt, vor allem CDU-Wähler*innen – und, für Forderungen nach realer Klimagerechtigkeit (Wachstumsunabhängigkeit, internationaler Ausgleich siehe) und viel mehr Ambition, auch Grüne.

Inhalte: Was FFF-Ortsgruppen in den Organizing-Trainings lernen s. McAlevey & Fleischer

  • Kurzfassung relevanter Grundprinzipien von “wie soziale Bewegungen gewinnen” (Pillars of Support, Support anziehen, strategische Polarisierung,…)
    • Wie sie durch “Unterstützung abgraben” lokal und regional Macht aufbauen – die MdBs, Landesregierungen und Städte bei konkreten Forderungen zum Handeln bringt
    • Welche sozialen Gruppen, Organisationen, Vertrauensträger*innen etc sie dafür am dringendsten auf ihre Seite bekommen müssen
  • Wie man diese erfolgreich ansprechen und überzeugen kann (Organizing Conversation, auf deren Bedürfnisse fokussiert, kognitive Impfung…)
  • Wie sie ein soziales Umfeld mappen und die eine Meinungsführer*in finden, die man gewinnen muss
  • Wie sie erfolgreich Bündnispartner “onboarden” und Bündnisse pflegen
  • Wo sie aufgelistet finden, was sie als OG ansonsten Wirksames tun können (das OG-Playbook)

Lernformat: Wie Organizing geübt werden kann

Workshopserien mit 2-4 Sessions à 1-2 Stunden,

  • Mit Hotseat-Übungsformen für Ansprache-Trainings
    • effektive Übungsformen finden, „Drills“ wie im Leistungssport
    • Jede*r übt 2-3 Mal mit Peers, die z.B. mittels Skript einen skeptischen Fremden spielen, mit 3 Objections und 1 geheimen “Anliegen” das es herauszufinden und zu agitieren gilt
  • Verhaltenspsychologisch optimiert, für höchstmögliche Anwendungsrate
    • basierend auf WOOP (Mental Contrasting und Implementation Intentions)
  • mit unmittelbarer Anwendung anstatt Frontalunterricht
    • Teilnehmende schreiben für direkte Anwendung des Gelernten nach jeder Session einen Action Plan – was sie selbst nun tun werden
  • potenziell mit Video- oder Podcastformaten oÄ., um breiteres Publikum zu erreichen/anzuwerben

Umsetzungsplan: Organizing-Trainings entwickeln und ausrollen

Trainingsstrukturen: Was wir dafür gestalten und aufbauen müssen

Peer-to-peer-Trainingsstrukturen,

  • die Workshops werden durch Workshopleitende gegeben, die wir ausbilden
  • Es braucht also von vom FMP (unter Meeras Leitung) aus:
    • die Recherche und Gestaltung von effektiven Übungsformen für Ansprache, Bündnisbau-Strategie etc
    • Testdurchläufe der Workshops (für Teilnehmer*innen) selbst geben
    • Workshop-Anleitung für Trainer*innen entwickeln
    • Testdurchläufe der Trainings (für Workshopleitenden) selbst geben
  • Mit Feedback aus FFF heraus, und Interaktion mit FFF-Stakeholdern (Regio-AG, Koop-AG)

Beispiel einer vereinfachten Organizing-Trainingskampagne

Justus: Was es vermutlich bräuchte, wäre eine Kopie der Barnstorm-Organizing Struktur (Bernie Sanders-Kampagne 2016) mit einem simplen Engagement Funnel:

Ziel: Möglichst viele Menschen richten bei der Bundestagswahl ihre Wahlentscheidung explizit daran aus, wie starke die Klimaschutz-Versprechen der Parteien sind, kommunizieren das Commitment MdBs/Kreisverbänden, und sagen zu, nach der Wahl darauf zu achten, ob Parteien ihre Versprechen einhalten → Harte Währung der Wähler*innenstimmen wird mit Ankündigung von Klimastärke abhängig gemacht = realer Druck in der Klimapolitik, deutlich nachzubessern

Aus Perspektive einer Engagierten:

  • Meta-Schritt 1: 100+ Leute als Hosts/Trainer*innen für solche Sessions aufbauen und ein paar Leute für Koordination dieser Menschen trainieren, plus Struktur dafür aufbauen
  • Schritt 1: Du nimmst an einer Barnstorm-ähnlichen Online-Veranstaltung teil, kurzes Intro “warum machen wir das hier”, einzelne Leute aus dem “Publikum” teilen was sie hierher gebracht hat, Micro-Training “How-to organizing conversation”, nach Übung mit Partner*in, welcher Mensch in meiner Umgebung wird diese Aktion am ehesten gut finden? Anrufen! Und mit ihm/ihr die erste Organizing-Konversation führen, zurück zur Gruppe – gemeinsames Feiern → Ankündigung: nächster Termin ist nächste Woche + 1, 2 Ausweichtermine für die die, da keine Zeit haben
    • Auf die Art und Weise könnte man potentiell auch viele neue OGs in kurzer Zeit gründen/reaktivieren mit Hilfe des OG-Playbooks + kurzen Training. Potentiell bräuchte es am Anfang nur 1-2 Personen, die Bock haben eine OG zu starten und die dann über das Freundes-Freund*innen-Prinzip rasch wächst.
  • Schritt 2: der Mensch kommt zum zweiten Termin, Menschen rufen andere Leuten aus ihrem Umfeld an von denen sie überzeugt sind, dass sie schon positiv eingestellt sind. Wenn das Gespräch gut verläuft, laden sie diese ein, bei einem Schritt 1-Training mitzumachen, alle zurück zur Gruppe – gemeinsames Feiern → Ankündigung nächster Termin ist in der Folgewoche + 1, 2 Ausweichtermine für die, die da keine Zeit haben
    • Add-on immer: demnächst machen wir auch noch X (Klimademo, Spieleabend), wenn du willst sei da auch dabei → Integration der Menschen in die OG
  • Schritt 3: Leute kommen zum dritten Termin, Menschen rufen andere Leuten aus ihrem Umfeld an, bei denen sie sich unsicher sind ob sie der ganzen Sache positiv gegenüber eingestellt sind und machen Klimawahl-ask – Schritt 3 wiederholt sich, bis Leute große Teile ihres sozialen Umfelds abtelefoniert haben
  • Schritt 4: Leute fangen an, die eingeübten Konversationen außerhalb des Gruppenkontexts zu führen, z.B. auf der Arbeit – berichten bei Treffen von Erfolgen
  • Schritt 5: Leute lassen sich zu Hosts von Organizing-Treffen ausbilden und fangen an, selbst Leute zu trainieren und zu betreuen
  • Schritt 6: Einige dieser Menschen werden zu Koordinator*innen und Trainer*innen der Hosts

→ exponentielle Wachstumsrate von neuen Menschen, die Wahl zur Klimawahl machen wollen

Was vorhanden bzw. zu tun ist

Wir haben Bewegungsstrategie-Wissen und wollen daraus gemeinsam auswählen, was Ortsgruppen beigebracht werden sollte, um ans Organizing strategisch heranzugehen – mit einem deutschlandweiten “Big Picture” im Kopf.

Wir haben Erfahrungen mit effektiven anwendungsorientierten Workshopserien, aber noch nicht die spezifischen Übungsformen, die für diese Inhalte und Skills am besten funktionieren.

Testdurchläufe durchzuführen wäre schon Teil der Planentwicklung. Es gibt bei diesem Projekt Paket “Planung” vs. Paket “Umsetzung” – kann auch von unterschiedlichen Menschen erledigt werden. Die Umsetzung/Skalierung könnte an passende bundesweite OG-zentrische Kampagnen angedockt werden.

Meera ist an Bord gekommen und wird die Planung/Entwicklung der detaillierten Trainingsreihe von FMP-Seite aus leiten. Vincent leitet die Testdurchläufe und die 60-90-minütige Organizing-Massentrainingsschiene.

Es ist kritisch für dieses und andere wichtige Projekte zum Bewegungsaufbau, dass das Regio-Buddy-System schnellstmöglich funktional und skalierungsfähig wird.

Das braucht ein attraktives Selbstverständnis, klare Aufgaben, digitales Interface mit Kontaktdaten der jeweiligen OGs des Buddys sowie Infos zu deren Großstreik-Mobi-Status und die Möglichkeit, wichtige Links/Tools, regionale wichtige Informationen (inkl. Aktivitäten/Erfolge anderer OGs in der Region), Event-Angebote und -Termine, AG-Leitfäden, und OG-Playbook bereitzustellen – möglicherweise ca. in Form eines Pads für jede Region, das linkprivat oder passwortprivat ist.