Leitfaden gezielt Support anziehen

Bewegungen gewinnen, indem sie Support anziehen

Wie du Druck aufbaust, der Machthaber zum Nachgeben zwingt

Viele Aktivist*innen fragen sich, wie Erfolg eigentlich aussähe. Wird die Politik je auf uns hören, wenn wir immer lauter eine lebenswerte Zukunft fordern? Mit wem müssen wir uns zusammentun? Wie können wir den Druck steigern?

Hier findest du Antworten. Es gibt einen erprobten Weg, wie Bewegungen ihre Forderungen durchsetzen können! Du erfährst, wann Machthaber einknicken, wie wir Macht für unsere Sache aufbauen, und wann man mit welchen Teilen der Gesellschaft sprechen sollte.

Wessen Unterstützung müssen soziale Bewegungen anziehen, um ihre Ziele in Rekordzeit in der Gesellschaft durchzusetzen?

Hier findest du Antworten! Du wirst lernen, wie du ein breites Bündnis ausbaust, um Machthaber*innen zum Einlenken zu bewegen.

Übersicht: Die Kernideen

  • Erfolgreiche Bewegungen graben der “alten Welt” die Unterstützung ab
  • Identifiziere die Stützsäulen der “alten Welt”
  • Bewegungen gewinnen Macht, wenn die Koalition für ihre Ziele immer breiter wird
  • Ziehe das Spektrum der Verbündeten schrittweise an
  • Für langfristige Motivation braucht man positive Taktiken und Ziele
  • Ziehe lieber 2% aus den meisten sozialen Gruppen an als alle aus einer Gruppe
  • Ziehe vor allem die Unterstützung der “unüblichen Verdächtigen” an

Zeit für 30 Sekunden Reflektion (ggf. nach Workshop/Gespräch):

  1. Versteht mein Umfeld in der Bewegung schon, dass FFF “gewinnen” kann, indem es Unterstützung aus allen Teilen der Gesellschaft möglichst sichtbar macht?
  2. Über welche Netzwerke und direkten Kontakte können meine FFF-Gruppe und ich unübliche Verdächtige finden, die unsere Forderungen (unternehmerisch, popkulturell, kommunal, landespolitisch, bundespolitisch) mittragen könnten – um einen Konsens aus der ganzen Gesellschaft zu zeigen?
  3. Was können wir in den nächsten Tagen dafür tun, um sichtbar zu machen, welche unerwarteten Gruppen (Konservative, Unternehmer*innen, Ältere, Abgeordnete) jetzt schon starke Klimapolitik unterstützen?

Jetzt geht es mehr ins Detail:

Erfolgreiche Bewegungen graben ihren Gegnern die Unterstützung ab

Erfolgreiche Bewegungen “schlagen” ihre Gegner nicht. Oft spricht man davon, Klimagegner zu besiegen – aber das geschieht nicht durch “Druck” in Form von immer wütenderer Anklage. Machthaber geben nicht nach, weil sie auf Social Media ultimativ bloßgestellt werden – sondern weil sie merken, dass andere ihnen nicht mehr beim Durchsetzen ihrer Entscheidungen helfen. Das passiert wenn, ein immer breiterer Teil der Gesellschaft für bestimmte Veränderungen einsteht.

Imperien fallen nicht, weil Menschen sie angreifen, sondern weil ihnen die lebensnotwendige Unterstützung ihrer Bürger*innen abhanden kommt. Die meisten Menschen unterstützen die Zustände einer “alten Welt” nur passiv, indem sie einfach mitmachen. Um zu gewinnen, muss man ihre Unterstützer davon überzeugen, sich vom Status Quo, von der schlechteren “alten Welt”, abzuwenden und an einer neuen Welt mitzuarbeiten.

Bewegungen gewinnen, indem sie immer mehr Unterstützung aus den allermeisten einflussreichen Gruppen einer Gesellschaft anziehen und diese so ihren Gegnern abgraben – dann kann auf einmal eine ganze Gesellschaft für einen schnellen und entschiedenen Wandel zusammenkommen, und breite passive Unterstützung (stille 80%-Mehrheiten) zu aktiver, sichtbarer Unterstützung werden.[1]

Beispiel: Gute Bewegungen funktionieren wie Magnete, die mit allem was sie anziehen, immer stärker werden, bis alles an ihnen klebt – besonders der äußerste Rand der Bewegung zieht ständig immer mehr neue Leute von außen an.

Reflektionsfrage: Welche Beispiele fallen dir ein, bei denen genau diese Vorgehensweise funktioniert hat? Wie wurde – auch im kleinen Einzelfall – der “alten Welt” erfolgreich die Unterstützung abgegraben, um eine neue Welt zu erreichen?

Identifiziere die Stützsäulen der “alten Welt”

Wo können Bewegungen ansetzen, um mächtige Akteure zu ersetzen oder sie zu anderem Verhalten zu zwingen?

Wie Martin Luther King Jr. selbst sagte: „Eine soziale Bewegung, die nur Menschen bewegt, ist nur eine Revolte. Eine Bewegung, die sowohl Menschen als auch Institutionen verändert, ist eine Revolution.” Darum sollte man in jedem Fall auch die mächtigen Institutionen, die zum Problem beitragen, zum Wandel “zwingen”.

Man sollte sich früh bewusst sein, welche Institution man zum Wandel zwingen möchte, und woran diese Institution gebunden ist. Es bringt beispielsweise wenig, wenn ich die RWE vom weiteren Kohleabbau abhalten will und darum die Busfahrer zu einem Streik aufrufe. Man sollte da ansetzen, wo es den Institutionen wehtut.

Um herauszufinden, wo genau das ist, sollte man sich dazu ein bestimmtes Bild vor Augen führen: Die Institution ist ein Gebäude. Ihre Dachspitze mit den mächtigsten Personen ruht auf Säulen – den Machtsäulen. Jede Säule symbolisiert eine Person, Gruppe, andere Institution, welche die Hauptinstitution oben hält.

Beispiel: Eine Bürgermeisterin könnte von bestimmten Wählergruppen in bestimmten Stadtteilen abhängen, von der Unterstützung von regional wichtigen Gewerkschaften, von bestimmten ansässigen Unternehmen (bei denen viele Stadtbewohner arbeiten), von der Loyalität ihrer Parteimitglieder im Stadtrat und vom Wohlwollen der örtlichen Zeitungen. Meinungsführer*innen in allen diesen Machtsäulen hängen wiederum von anderen ab.

Die Säulen können auch unterschiedlich breit und wichtig sein, je nachdem wie groß der Nutzen für die Institution ist. Wir sollten immer versuchen, die Säulen genau zu kennen, und uns bewusst werden “wer” diese Säulen sind.

Wenn nun eine oder mehrere dieser Säulen wegfallen, wackelt das Dach – oder stürzt ein. Um das zu vermeiden, sind die Personen an der Spitze zum Umdenken gezwungen. Genau das ist das Ziel der Bewegung. Es macht also am meisten Sinn, wenn man die größten und breitesten Säulen auf die eigene Seite zieht.

Beispiel: Die Kohle von RWE wird hauptsächlich mithilfe von Subventionen über Wasser gehalten. Wenn diese Subventionen vom Staat nun wegfallen würden, wäre es viel zu teuer, weiter Kohle abzubauen. Wer sind die Entscheider*innen über diese Subventionen? Beispielsweise CDU-Haushalts- und Energiepolitiker*innen im Bundestag. Von wem hängen sie beim Aufrechterhalten der Subventionen stark ab? Von Kernwählerschaft in ihren Wahlkreisen, denen ihre Zukunft, Gesundheit und die kluge Verwendung von ihren Steuergeldern wichtig sind. Eine Studie des Open Society European Policy Institute fand 2021, dass 26% der CDU-Wähler*innen Klima wählen werden UND einer anderen Partei mehr Klimakompetenz zutrauen. Mit ihnen muss nur flächendeckend, überzeugend gesprochen werden.

Sucht euch am besten die Institutionen in den Säulen raus, die sowohl für das System besonders wichtig als auch anfällig für euren Einfluss sind. Macht euch Gedanken über die Akteure in dieser Säule. Welche Ansichten haben Menschen dort? Warum bleiben sie dort loyal, oder zumindest passiv? Wie betrifft sie und ihren Nächsten vielleicht bereits das Leid, das die Machthaber*innen verursachen?

Beispiel: RWE hängt beispielsweise davon ab, dass Bergbauarbeiter nicht massenweise kündigen oder streiken – denn das würde riesige Kosten verursachen. Die Bergarbeiter*innen sind eine Säule, von der die RWE-Entscheidungsträger abhängen. Warum sind sie noch dort?

Die Bergarbeiter*innen möchten sich nicht beschuldigt sehen, und stellen sich bei Angriffen an die Seite der Kohleenergie, weil sie an sie gewöhnt sind, einen sicheren Job und eine Zukunft haben möchten, und auch ihre eigene Ehre verteidigen wollen.

Wenn im Kampf gegen Kohleenergie klar wird, dass die Arbeiter*innen eine sichere Zukunft haben sollen, dass ihre Kinder und ihre Region unter der Klimakrise leiden, und dass die Arbeiter*innen anders als Aktionäre nicht die Profiteure der Klimakrise sind, können sie sich vielleicht ohne Gesichtsverlust von dort ablösen und an einer anderen Zukunft mitwirken.

Als nächsten Schritt solltet ihr selbst einen Plan entwickeln, wie ihr vorgehen wollt, um die Menschen in dieser Machtsäule davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist die Machthaber nicht weiter zu fördern und zu unterstützen. Wie können sie von der angestrebten Veränderung profitieren oder von ihr benachteiligt werden?

Beispielstory: Wie die serbische Polizei angeworben wurde

In Serbien wollte die die revolutionäre Bürgerbewegung “Otpor” (Widerstand) den Militärdiktator Slobodan Milošević stürzen. Sie sahen ihre Verhaftungen nicht nur als einen medienwirksamen Akt des Widerstands, sondern auch als eine Gelegenheit, positive Beziehungen zur Polizei aufzubauen. Tatsächlich wurden die Demonstranten darin geschult, Offiziere vor Provokationen aus den eigenen Reihen zu schützen. Beginnend mit einem Streik der Bergarbeiter kam das Land im Oktober 2000 zum Erliegen, Sektor für Sektor (die zuvor als Verbündete gewonnen wurden). Demonstranten blockierten Straßen mit Barrikaden und ihren Körpern. Als die Polizei schließlich zu entscheiden hatte, ob sie in die Menge schießen oder sich der Bewegung anschließen sollte, entschied sie sich für Letzteres und machte den Weg zu den Regierungsgebäuden frei.

Sie verstanden die Polizei und sich selbst als Bürger mit einer Verantwortung, anstatt als abgetrennte Aktivisten und staatliche Marionetten – sie beanspruchten die Mehrheit für sich. Kurz: Die Bewegung war gewachsen, weil sie nach außen gerichtete Arbeit gemacht hatte, anstatt sich nur mit sich selbst zu beschäftigen.

Reflektionsfrage: Wie könnten wir jemanden auf unsere Seite ziehen, von dem eine bestimmte wichtige Institution abhängt, um diese zu beeinflussen?

Bewegungen gewinnen Macht, wenn die Koalition für ihre Ziele immer breiter wird

Warum hilft mir eine breit aufgestellte Koalition?

Du kannst Machthaber*innen zu etwas zwingen, indem du ihnen die Unterstützung der wegnimmst, von der sie abhängen – und du kannst andersherum eine neue Sache durchsetzen, indem du dafür immer stärker das Bild schaffst, dass die ganze Gesellschaft dafür ist – nicht nur fortschrittliche Gruppen wie Student*innen, sondern auch vermeintliche Gegner der Veränderung: ältere Menschen (z. B. Rehasportvereine), religiöse Gemeinschaften (die Katholischen Landfrauen sind bei der Klima-Allianz), nichtakademische Bürger*innen (“Handwerk mit Verantwortung” ist Teil der Klima-Allianz) und reiche, privilegierte Menschen mit hohem sozialem Status (Lawyers for Future, Economists for Future, Ärzte, Unternehmer, Fußballstars, Manager).

Um Leute für seine Ziele und Forderungen zu begeistern, sollte man klar machen, wieso es auch für sie Sinn ergibt, dafür aktiv einzustehen. Versuche, allen zu vermitteln, dass es sich lohnt, dafür zu kämpfen. Verknüpfe ihre Interessen mit deinen. So werden Gemeinsamkeiten greifbar. Baue nach und nach ein breites Bündnis aus den unterschiedlichsten Interessengruppen auf.

Durch Kooperation können sich Koalitionen und Zusammenarbeit zu bestimmten Zielen entwickeln. Deine Macht und dein Einfluss wachsen, wenn du viele Akteure und Institutionen auf deine Seite ziehst.

Beispiel: Wie Harvey Milk die US-Bewegung für LGBTQ-Rechte entfachte

Als Harvey Milk die LGBTQ-Bewegung ins Leben rief, begann er mit Schwulen in der Castro Street, ging dann aber zu den Heterosexuellen im allgemeinen Gebiet der San Francisco Bay über. Er hatte klare, große Ziele: Milk wollte nicht nur die Stereotypen über Schwule ändern, sondern auch ein Gesetz für die Rechte von Homosexuellen durchsetzen.

Was hatte er am Anfang? Nur große Visionen und die Zugehörigkeit zur Schwulencommunity. Aber damit konnte er anfangen.

Er unterstützte den Streik der Bierauslieferer, indem er dafür sorgte, dass schwule Barbesitzer das Bier der bestreikten Brauereien boykottierten. So brachte er die Lieferanten und die Schwulencommunity zusammen. Direkt entstand ein breiteres Bündnis für Schwulenrechte und eine breitere Koalition, die ihn in seinen Forderungen unterstützte.

Er organisierte ein Straßenfest, die heute noch gefeierte „Castro Street Fair“, mit dem er potenzielle Kunden für den Einzelhandel in seinem Bezirk gewann. Sein Slogan war “Gays should buy gay”, was zugleich einen Boykott schwulenfeindlicher Unternehmen darstellte und die Aufforderung an alle Sympathisant*innen, mehr bei schwulenfreundlichen Händlern zu kaufen. So begann er, sich allmählich auch die Unterstützung der nichtschwulen Einzelhändler in der Umgebung zu sichern, da das auch für deren Geschäft vorteilhaft war. Immer mehr Teile der Stadt und von Kalifornien setzten sich für Schwulenrechte ein.

Reflektionsfrage: Welche konkreten Personen kann ich als Verbündete für meine Sache gewinnen, indem ich ihnen zeige, wie unsere Anliegen verbunden sind und wir einander zu einer besseren Welt verhelfen können?

 

Ziehe das Spektrum der Verbündeten schrittweise an

Wieso sollte ich mich nicht nur mit dem größten “Gegner”, sondern auch viel mit passiven Menschen beschäftigen?

Bevor wir Kampagnen gestalten, sollten wir überlegen, wer welcher Gruppe angehört. Das können wir tun, wenn wir ein Spektrum der Verbündeten zeichnen und alle Akteure in der eigenen Stadt, Region, Firma, oder im Verein einzuordnen. Wir müssen gut darüber informiert sein, wer auf welcher Seite steht, um nicht gegen die Menschen zu arbeiten und möglicherweise das Gegenteil unseres Ziels zu erreichen.

Bewegungen beginnen damit, aktive Verbündete und die offensichtlichsten Hauptunterstützer zu mobilisieren. (Das hat die Klimabewegung schon früh getan!) Sprich dann passive Unterstützer an – wenn sie aktiv werden, wächst die Bewegung – und bring danach neutrale Gruppen auf deine Seite, indem du ihre Sorgen und Wünsche mit deinem Anliegen verknüpfst. Sobald du die passive Opposition anziehst, stehst du kurz vor dem Sieg.

Beispiel: In der Bürgerrechtsbewegung zum Beispiel begannen Martin Luther King Jr. und seine Zeitgenossen damit, Schwarze aus dem Süden zu mobilisieren. Das war naheliegend, weil sie die stärkste Unterdrückung erlebten – aber viele noch passiv gewesen waren. Als nächstes folgten Schwarze aus dem Norden, und dann gingen sie dazu über, die Weißen aus dem Norden für ihre Sache zu gewinnen, die oft viel weniger rassistisch waren als der Süden.

Erst ganz am Ende unterzeichnete der texanische Präsident Johnson den Civil Rights Act, weil der Druck aus so breiten Teilen des Landes kam – von südlichen schwarzen Revolutionären bis zu nördlichen weißen Universitätsprofessoren – und ihm nichts anderes übrig blieb.

Mit anderen Worten: Man fängt am empfänglichen Ende seines Spektrums an und arbeitet sich durch immer höhere Schwellen des Widerstands. Viele machen den Fehler, nur sich selbst und die größten Gegner zu beachten – sodass die Gegner währenddessen die Mehrheit auf ihre Seite bringen können.

Es ist meist nicht nötig, den Gegner zu unserer Sichtweise zu bekehren. Wir müssen nur alle Leute in den Abschnitten des Spektrums jeweils einen Schritt in unsere Richtung bewegen.

Natürlich sollten schlimme Taten – wie tödliche Klimapolitik, und Profite am Leiden anderer – kritisiert werden. Aber viele machen den Fehler, ihren größten, aktiven “Feind” direkt anzugreifen, ohne dabei den zuschauenden Neutralen begreiflich zu machen, warum das, was ihnen wichtig ist, bedroht wird. Versuche also mit jedem Schlagabtausch, die Passiven und Neutralen auf deine Seite zu bekommen. Sie sind oft ein großer Teil der Gesellschaft und leichter für sich zu gewinnen, da sie nicht von der Gegenseite überzeugt sind.

Reflektionsfragen: Wer sind in deinem aktuellen Projekt die passiven Partner, denen du gute Gründe fürs aktive Mitmachen geben kannst? Wer sind die Neutralen? Wer bildet die passive und die aktive Opposition?

Für langfristige Motivation braucht man positive Taktiken und Ziele

Wieso sollte ich neben Wut noch andere Antriebe für die Bewegung finden?

Wut ist ein wirksamer Mobilisator, aber Wut ohne Hoffnung ist eine zerstörerische Kraft. Man muss ein positives Vorhaben mit positiven Taktiken vertreten. Es kann so viel besser gelingen, die Unterstützung von neutral oder passiv eingestellten Menschen anzuziehen.

Beispiel: Occupy Wall Street ist ein Beispiel für eine Protestbewegung ohne einen konkreten, positiven Plan. Innerhalb weniger Monate wurden ihre Besetzungen in Manhattan geräumt, und die Demonstranten gingen nach Hause, und hatten, wenn überhaupt, nur wenig erreicht. Sie hatten viele Missstände beklagt, hauptsächlich die Unterdrückungskraft der Konzerne, kamen aber nie über Parolen hinaus. Niemand, nicht einmal die Demonstranten selbst, war sich darüber im Klaren, was getan werden sollte, um die Wirtschaft zu verändern. Sie waren nur gegen etwas, und wussten nicht, wofür sie waren.

Wenn eine Bewegung keine klaren, positiven Ziele verfolgt, wird es für die neutrale Bevölkerung schwer, sich der Bewegung anzuschließen, da nicht ganz klar ist, für welches Ziel gekämpft wird.

Auch Gewaltanwendung oder Zerstörung sind meistens kein erfolgreicher Weg, genügend Leute für sich zu gewinnen. Zum einen wollen sich die wenigsten Menschen im Nachhinein radikalen Gruppen anschließen, und zum anderen ist es auch ein Argument für die Institutionen in den Machtsäulen, sich gegen deine Vorhaben zu wenden.

Darum sollten Ziele und Vorhaben neben ablehnenden Slogans auch immer so positiv wie möglich formuliert werden. (Gemeint ist nicht “freundlich”, sondern das Erwünschte zu bejahen statt das Schlechte in der Formulierung zu verneinen.) Es soll attraktiv sein in der Gruppe mitzuwirken. Formuliert positiv und klar, wo ihr hinwollt und warum das sinnvolle Ziele sind.

Wenn beispielsweise auf Demos nur Wut vorherrscht, kommt es schneller zu aggressiven Ausschreitungen und die eigentlichen Intentionen gehen im Chaos unter oder verloren.

Hinweis: Die Polizei weiß das, und nutzt es manchmal – mit sogenannten Agents provocateurs – Zivilpolizisten, die Gewalt anstiften, damit die Polizei dabei legitim wirken kann, Bürger zu schlagen und festzunehmen. Ihre Macht wird als legitim angesehen, wenn sie Bürger als bedrohliche Gewalttäter hinstellen kann. https://www.spiegel.de/politik/deutschland/g-8-demonstrationen-polizei-bestaetigt-einschleusen-von-zivilbeamten-a-487487.html

Reflektionsfrage: Wie kann ich in einem meiner aktuellen Projekte meine Ziele positiv formulieren und verhindern, dass die Wut über das Thema oder Hand nimmt?

Ziehe zuerst lieber 2% aus den meisten Gruppen an – als alle aus einer Gruppe

Wen genau sollte ich zuerst für unsere Sache gewinnen, um mit geringem Aufwand eine breite Menschenmasse zur Zusammenarbeit an unseren Zielen zu motivieren?

Anstatt alle Student*innen oder alle Reinigungskräfte zu gewinnen, versuche lieber, 2 % der Bürgermeister*innen, 2 % der konservativen Wähler*innen, 2 % der Gewerbetreibenden und 2 % der Banker*innen zu gewinnen. Der deutsche Soziologe Harald Welzer sagt: ”Lieber 2% aus den allermeisten Gruppen als alle aus einer Gruppe.” Wieso? Wenn du für viele Gruppen einzelne Vorbilder gewinnst, und sehr sichtbar machst, löst du eine Kettenreaktion in allen diesen Gruppen aus.

 

Menschen aus dem Umfeld der Zielgruppe können ihr Umfeld viel besser überzeugen als du, weil sie automatisch zu den Werten sprechen, die Menschen in ihrem Umfeld wichtig sind. Ein Priester spricht beispielsweise über andere Werte als ein Unternehmer, der Wellbleche herstellt. Gläubige fühlen sich natürlich eher vom Priester angesprochen und aufgefordert als von einem fremden Unternehmer. So wird es für die Mitglieder der Gruppen einfacher, dein Anliegen nachzuvollziehen und wichtig zu finden, wenn jemand aus ihrem vertrauten Umfeld zu ihnen spricht. Du selbst wirkst auf diese Gruppe fremd und unvertraut und kannst die Leute nur schwer überzeugen.

Suche besonders die Menschen in den Gruppen, die großen Einfluss und Vorbildcharakter haben. Wenn du zum Beispiel einen einzelnen Katholiken aus Bayern von deiner Meinung überzeugst, wird dies wahrscheinlich nicht so viel Aufsehen erregen, wie wenn du den Weihbischof oder ein regional wichtiges Unternehmen auf deiner Seite hast.

Wenn du sichtbar machst, dass du eine überzeugende, vertraute Person auf deiner Seite hast, dann sehen ihre Fans/Mitarbeiter/Vereinsmitglieder etc. jemanden aus ihrer eigenen Umgebung, den sie bereits kennen und mögen.

In den meisten Themen sind wir alle Mitläufer, und tun einfach das, was die anderen auch tun. Bekommst du nun beispielsweise einen bekannten Musiker dazu, deine Gruppe öffentlich zu unterstützen, werden die Fans auch auf diesen Zug aufspringen und mitmachen wollen.

Aber nicht nur Musiker – sondern auch Priester, Richter, Manager, Fußballspieler oder Firmenvorsitzende eignen sich besonders gut. Sie sind Vorbilder für Gruppen, die wir selbst weniger gut dazu überzeugen könnten, ein gerechtes 1,5-Grad-Klimagesetz, einen schnellen Kohleausstieg, usw. zu fordern.

Dies ist auf das Grundprinzip zurückzuführen, dass du Macht aufbaust, indem du viele Menschen zu einer Meinung verbündest und zum Zusammenarbeiten bewegst. (Macht kommt von unten, und aus dem Querschnitt der Gesellschaft.) Wenn sehr unterschiedliche Menschen starke Klimapolitik fordern – von Katholiken über Familienunternehmer, Talkshowmoderatoren, und Kohlearbeiter – dann vermittelt dieser Querschnitt der Gesellschaft schnell, dass die ganze Gesellschaft dahinter steht.

Das ist eine wirklich gute Nachricht! Schließlich bedeutet es, dass wir im ersten Schritt nur eine überschaubare Zahl von Menschen anziehen müssen. Wenn diese in ihren Gruppen sichtbar und aktiv werden, wird sich dann schnell eine großes gesellschaftliches Bündnis aufbauen.

Reflektionsfrage: Wessen Unterstützung würde für unseren Erfolg einen großen Unterschied machen – und welche Vorbilder können wir in diesen Umfeldern ansprechen?

Alternativ: Welche überraschenden Menschen und Organisationen unterstützen unsere Forderungen bereits, die wir sichtbarer machen sollten, damit sich mehr Menschen trauen mitzumachen?

Ziehe vor allem die Unterstützung der “unüblichen Verdächtigen” an

Wieso brauche ich Menschen, die vorher eigentlich gar kein Interesse an meinem Thema gezeigt haben?

Harald Welzer – unterschiedliche Menschen zusammenbringen (unübliche Verdächtige) –

Wenn BUND eine Pressemitteilung veröffentlicht, in der mehr Umweltschutz gefordert wird, kommt das nicht in die Schlagzeilen. Wieso nicht? Es ist nicht überraschend. Alles bleibt beim Alten, solange nur die Klimaschützer Klimaschutz fordern. Das erwartet man von ihnen.

Wie kann ich also dafür sorgen, dass Themen trotzdem viel Aufmerksamkeit bekommen?

Der einfachste und auch effizienteste Weg ist es, die unüblichen Verdächtigen auf seine Seite zu holen. Versuche die Menschen zu erreichen, die nicht für dein Thema bekannt sind. So sorgst du für “Verwirrung” der Öffentlichkeit und das Thema rückt automatisch in den Fokus.

Jedes Mal, wenn sich jemand Unerwartetes für etwas ausspricht, ist das eine größere Neuigkeit. Wenn sich Steinmetze, Kohlearbeiter, Fußballstars und konservative Ex-Verfassungsrichter für starken Klimaschutz und eine Demokratisierung der Wirtschaft aussprechen, dann ist das unerwartet.

Wir selbst, Klimaaktivst*innen sind die üblichen Verdächtigen. Wenn sich jemand mit untypischem Alter, Hintergrund und sozialem Status solidarisiert, stärkt es das Bild, dass wirklich die ganze Breite der Gesellschaft hinter unseren Forderungen steht.

Die Klimabewegung gewinnt, wenn hinter ihre Forderungen genug Menschen aus scheinbar allen sozialen Gruppen stehen.

Zurück zum Beispiel Harvey Milk und die LGBTQ-Bewegung:

Wie kam er so richtig zu stadtweitem Support in San Francisco?

Von schwulen Freunden, zu Schwulenbars und den Bierfahrern, zu den schwulen und dann allen Einzelhändlern – aber es reichte noch nicht, damit ihm Bürgermehrheiten vertrauten.

Zunehmend unterstützten ihn die Hoch- und Tiefbaufacharbeitergewerkschaft, die Ortsgruppe der Bierfahrer und die Gewerkschaft der Feuerwehr. Milk nutzte die besondere Symbolik ihrer Unterstützung, die darin lag, dass diese drei Gewerkschaften auch als Macho-Gewerkschaften („the macho unions”) bezeichnet wurden.

Reflektionsfrage: Wer wäre ein unüblicher Verdächtiger, der sich für ein konkretes Ziel einsetzen könnte, das ihr habt?

  1. Vgl. SUNSTEIN, Cass R. How change happens. Mit Press, 2019.